Digitaler Exhibitionismus oder: Die Rolle der “Marke Ich”

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Veröffentlicht am 4 Juni 2012 von Martin Wanitschke in Allgemein | Competence

We will be known forever by the tracks we leaveHand auf’s Herz: Jeder hat doch schon mal seinen eigenen Namen gegoogelt. Mal davon abgesehen, dass man dabei die eine oder andere “Karteileiche” findet, die es zu aktualisieren oder zu löschen gilt (bei mir war es die Untervermietung meiner Studentenwohnung während eines Auslandsaufenthaltes auf wg-gesucht.de). Aber warum macht man das? Ich persönlich tue das aus drei wesentlichen Gründen.

  1. Ich möchte solche “Karteileichen” aufspüren, um u. U. etwas dagegen zu unternehmen
  2. Mich interessiert, wie sich das Ranking meiner Spuren im Netz verändert hat
  3. Ich möchte wissen, womit mein Name im Netz in Verbindung gebracht wird

Den ersten Punkt lohnt es wohl nicht, näher zu auszuführen, für den zweiten Punkt gibt es Spezialisten, die sich mit dem Thema Suchmaschinenoptimierung (SEO) auskennen. Ich möchte mich in diesem Artikel dem dritten Punkt widmen.

Digitaler Exhibitionismus

Das (Social) Web macht es uns sehr leicht, dafür zu sorgen, dass unser Name (“unser Markenzeichen”) mit gewissen Schlagworten in Verbindung gebracht wird. Das geschieht völlig automatisiert auch schon, ohne dass wir uns darüber direkt den Kopf zerbrechen. Checkt man bspw. 10 Mal hintereinander bei Foursquare in einer Bibliothek ein, dann wird jedem, der über diese Spur im Netz stolpert klar sein, dass man entweder gern liest oder studiert oder beides. Ich verwende für diese Offenheit gern den Begriff “Digitaler Exhibitionismus”. Das klingt vielleicht ein wenig überspitzt, bringt aber offenes Verhalten im Social Web auf den Punkt:

Ich teile, also bin ich.

Über die Gefahren dieser Offenheit wurde schon genug berichtet. Webseiten wie bspw. OpenBook machen es den Internetnutzern sehr leicht, die letzten auf ungeschützten Facebookprofilen veröffentlichten Alkoholeskapaden nachzuvollziehen. Dass sich das im Vorfeld eines Bewerbungsgespräches nicht gerade förderlich auswirken dürfte, ist auch ein schon genügend strapaziertes Beispiel. Trotzdem erlaube ich mir an dieser Stelle das Einbetten dieses Videos:

eingebunden mit Embedded Video

Was davor schützt? Gesunder Menschenverstand einerseits und Webseiten wie secure.me andererseits.

Personal Reputation Management – die “Marke Ich”

Weg von den möglichen Risiken, hin zu den Chancen, die uns das Social Web beim Aufbau der eigenen Marke bietet. Schlüpfen wir dazu einmal kurz in die Rolle zweier Personen, die erhebliches Interesse am Aufbau einer eigenen Marke haben könnten:

1987: Ein Doktorand verfasst seine Dissertation über ein technisches Detail des Dieselmotors. Er fährt zu Kongressen, hält Vorlesungen, veröffentlicht Studien und Artikel in Fachmagazinen. Überall steht sein Name darunter. Interessenten, die nach Informationen über ebendieses technische Detail suchen, werden irgendwann unweigerlich über seinen Namen stolpern. Der Doktorand hat es über analoge Wege geschafft, dass sein Dissertationsthema mit seinem Namen in Verbindung gebracht wird und umgekehrt.

2012: Ein Doktorand verfasst seine Dissertation über ein technisches Detail des Ottomotors. Mit den Möglichkeiten des Social Webs fällt es diesem Doktoranden wesentlich leichter, seine Marke aufzubauen. Er könnte dazu folgendermaßen vorgehen:

  • Sammeln von Quellen im Internet, die ein ähnliches Thema behandeln
  • Bookmarking dieser Quellen
  • Kontaktaufnahme / Vernetzung mit den Autoren (=Spezialisten(?)) dieser Quellen
  • Anlegen und Pflegen von öffentlichen Profilen
  • kleine, auszugsweise Veröffentlichungen seiner Erkenntnisse auf verschiedenen Kanälen:
  • Verfassen eines Wikipediaartikels zu seinem Thema
  • Organisation von physischen Events, zu denen er sein nun existierendes Netzwerk einlädt
  • Vorträge auf Kongressen, zu denen er nun schon mit einer ordentlichen Portion “Vorschusslorbeeren” anreist, wenn seine Zuhörer vorher mal nach ihm gegoogelt haben

Ein Beispiel gefällig? Googelt man “Bauhaus Architektur” verweist bereits der 7. Eintrag auf eine Designerin (Eileen Gray…) [Stand: 25.05.2012] Ich kenne sie nicht, habe noch nie von ihr gehört, interessiere mich auch nicht für Bauhaus Architektur. Würde ich mich allerdings dafür interessieren, weiß ich nun, dass sie sich damit auszukennen scheint.

Technische Unterstützung beim Aufbau der eigenen Marke

Das obige Beispiel soll aufzeigen, dass das Social Web die Pflege unserer Reputation und deren Zurschaustellung wesentlich vereinfacht. Technische, größtenteils kostenlose Unterstützung erhalten wir dabei zahlreich:

  • Suchmaschinen, RSS Feeds und RSS Reader zur Sammlung der Inhalte
  • Social Bookmarking Dienste (z. B. delicious) zum Speichern und Tagging der Inhalte
  • Blogkommentare zur Kontaktaufnahme
  • Twitter, Xing, Facebook, LinkedIn, … zur Pflege eigener Profile
  • Blogs zur Veröffentlichung von Inhalten

Mit der oft angepriesenen Social Search kann das alles noch leichter werden. Bspw. indem man Suchergebnisse nach Autoren filtert oder die Autoren hervorgehoben werden, die sich im Netz zu einem bestimmten Thema am häufigsten geäußert haben. Innerhalb von Unternehmen ist diese Facettierung der Enterprise Search ein wesentlicher Erfolgsfaktor eines Social Intranets, der es uns erheblich erleichtert, im Unternehmen einen Experten zu finden. Da dort die Grundgesamtheit auf die Anzahl der Mitarbeiter beschränkt ist, ist die Datenbasis natürlich auch wesentlich kleiner als im offenen Web. Es erspart den Mitarbeitern das Abtelefonieren von Ansprechpartnern, in der Hoffnung, dass jemand jemanden kennt, der jemanden kennt… Die einfache Schlagwortsuche bringt die Experten direkt zum Vorschein. Einzige Bedingung: Sie müssen sich zu diesem im Intranet auch äußern.

Welche Technologien man für den Aufbau der eigenen Marke im Internet einsetzen möchte, bleibt jedem selbst überlassen und muss durch Erfahrung gelehrt werden. Aktuell vermisse ich einen Dienst, der es schafft, alle Inhalte zu aggregieren. MyON-ID ist ein solcher Dienst, der laut eigener Aussage leider Ende Juni 2012 abgeschaltet werden soll. About.me ist ein ähnlicher Dienst aus den USA. MyON-ID halte ich für wesentlich nachhaltiger, da dort die Inhalte aus dem Social Web nicht nur aggregiert dargestellt, sondern auch nachnutzbar gespeichert wurden. Und wir wissen ja: Jeder durchsuchbare Datenbankeintrag bringt uns im Suchmaschinenranking wieder ein Stück weiter nach oben :-)

Was sind Ihre Erfahrungen im Aufbau der eigenen Marke? Haben Sie Ergänzungen zum obigen Vorgehen und nutzen Sie noch weitere oder ganz andere Tools?

 Bildquelle: http://www.flickr.com/photos/krossbow/4365875125/sizes/m/in/photostream/

2 Kommentare
  1. Gerhard :

    Das ist leider vor allem ein Problem der schlechter gebildeten Schichten. Die zum einen gedankenloser Informationen ins Netz stellen und gleichzeitig nicht wissen wie man sich selbst besser darstellen kann. Ich kenne die aktuellen Lehrpläne der Schulen nicht, aber ich hoffe wirklich, dass deine genannten Punkte alles Inhalte sind, die an Schulen den Kids beigebracht werden.

    Zu clean dürfen übrigens Profile auch nicht sein, finde ich. Sonst ist es nicht mehr authentisch ;-)
    http://www.facebook.com/photo.php?fbid=3080788070969&set=a.1071965571662.12308.1601827558&type=3&theater

    4 Juni 2012 um 17:27

  2. Martin Wanitschke :

    Du kennst ja meine Aussage zur Authentizität :-)

    4 Juni 2012 um 19:28

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